Neuerscheinung

Gesina Stärz, "Der soziale Mensch. Was wir von Demenz über unser Menschsein erfahren."
Essay, 212 Seiten, ebook Einführungspreis 1,99 Euro bis Mitte Juni und Printausgabe für 9,99 Euro

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Strukturaufstellungen mit Repräsentanten

Donnerstag, 23. Juni, 18 bis 21 Uhr, in Holzkirchen, Raiffeisenstraße 4 c - Praxis Gesina Stärz telefonische Anmeldung unter 0175 240 2864

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Workshops im Kupferraum

Syst® für Kreativschaffende
Freitag, 1. Juli 16, 9 – 18 Uhr, Holzkirchen - Iris Hunziker, Gesina Stärz

Systemische Prozesse in der Beratung
Freitag, 15. und Samstag, 16. Juli, Holzkirchen, Jürgen Will

Tool Seminar für Autorinnen und Autoren
Samstag, 23. Juli, 9 – 18 Uhr, Holzkirchen, Gesina Stärz, Iris Hunziker

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Fiktion und Wirklichkeit

Gesina Stärz

Samstag, 12.3.2016

In meinem Büro ist unter den Estrich Wasser eingedrungen. Es riecht muffig. Schläuche stecken in Bohrlöchern. Fauliges Wasser wird herausgesaugt.

Für den Nachmittag lädt mich B. per SMS zum Cappuccino. Sie serviert den Milchkaffee und sagt, dass sie froh ist, dass keiner aus ihrem Bekanntenkreis ausländerfeindlich ist.

Am Abend  lege ich mich auf den von der Bodenheizung gewärmten Holzboden und lese mich zu Skinner, einem traumatisierten GI, der im Irakkrieg kämpfte, und Zou Lei, einer Uigurin als Einwanderin illegal in den USA. Er schluckt sich mit Tabletten von seinen Kriegsbildern weg. Sie schläft auf schmutzigen Matratzen, entkommt den Killerpratzen eines Nachbarn und der Einwanderungsbehörde. Ihr Leben lang bereit wegzulaufen.

 

Sonntag, 13.3.2016

Am Morgen lese ich weiter von Skinner und Zou Lei, wie er sich seine Waffe in den Mund steckt und abdrückt und sie sich die Füße wund läuft, nachdem sie alles verloren: ihr Portemonnaie, ihre Schuhe, ihren gefälschten Pass. Ich trinke Kaffee auf der Dachterrasse, beobachte den Spatz auf dem Dachfirst des Nachbarhauses, der in Richtung Dachrinne starrt, auf der sich eine Spätzin – so muss es sein! – festkrallt. B. sagt die Spatzen seien vom Aussterben bedroht.  Und er habe heute sechs Liter fauliges Wasser aus der Trockenmaschine geleert.

 

Montag, 14.3.2016

Nun hat Deutschland auch einen Rechtsruck. Jetzt sind sie sichtbar als Prozentangabe im Tortendiagramm, die mit den einfachen Lösungen gegen die Angst. Hopp oder Topp. Leben oder Tod.

Einen Tramper vorm Flüchtlingsheim mitgenommen. Miesbach Bahnhof, sagt er. Er reibt sich die kalten Hände. Ich schalte die Sitzheizung des Beifahrersitzes an. Wir sprechen nicht. Er ist jung. Vielleich 18 oder jünger. Er geht am Bahnhof vorbei in Richtung Bank. Er bleibt vor der Bank stehen, die Hände tief in den Hosentaschen. Er trägt eine Jeansjacke, einen Kapuzenpulli und Cap. Große schwarze Augen von schwarzer Traurigkeit umwölkt. Die Bank öffnet. Die Wartenden gehen durch die Wärmewand. Der Angestellte nimmt eine Überweisung entgegen, schaut hinter dem Computer hervor und sagt, dass er leider nur noch ein Guthaben von 22,71 Euro habe. Der junge Mann sagt etwas auf Englisch, der Angestellte verschwindet und bespricht sich mit Kollegen. Ich schaue den jungen Mann an. Er  blickt in unerreichbare Ferne.

 

Samstag, 19.3.2016

Siebenundfünfzig Kilometer Stau auf der Autobahn Richtung Süden, dreizehn Richtung Norden. P. wartet mit seinem Gepäck auf dem Kurzzeitparkplatz von Terminal 1A. Wir fahren Landstraße in Richtung Süden.

An der Kasse in der Tankstellte steht vor mir ein dunkelhäutiger Mann, der sorgfältig Geld aus einer blauen Plastikplane wickelt. Einen Zehn- und einen Fünf-Euro-Schein. Er bekommt Kleingeld zurück und weiß nicht wohin damit. Er faltet zögernd die blaue Plastikplane zusammen, in die er nichts mehr zurücklegen kann. Er ist tief in Gedanken versunken, die Augen groß und schwer.

 

Sonntag, 20.3.2016

Der Himmel grau, und die Solarzellen auf dem Dach des Nachbarhauses, sonst nichts zu sehen. Im Bett liegen und in den Himmel schauen beruhigt. Es kann nichts passieren. Nicht hier. Eine Meldung auf Spiegel-Online: eine Gruppe, die sich AfD Armee Fraktion nennt, habe Hans Olaf Henkel und fünf weitere EU-Abgeordnete mit Gewalt bedroht. Durch die graue Wolkenschicht scheint die Sonne. Warm scheint sie auf der Dachterrasse. Die Sonne blendet auf dem Monitor des Tablets.